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Bogomir Ecker

26.05.2002-21.07.2002
Finissage am 30.11.2002

Bogomir Ecker hat sich im Ausstellungsraum des Kunstverein Ruhr für eine besondere architektonische und zugleich skulpturale Intervention entschieden. Dort, wo der markante Doppelpfeiler den Raum in Längsrichtung teilt, ließ er einen halbkreisförmigen, an eine Konche erinnernden Einbau vornehmen. Diese auffällige Rundform durchdringt die Pfeilerkonstruktion und konterkariert gleichsam ihre Rechtwinkligkeit. Das halbrunde vom Boden bis zur Decke reichende Element hat Ecker mit einer gelben durch Noppen strukturierten Schaumstoffschicht bedeckt, wie sie zur Schalldämmung in Ton- und Fernsehstudios verwendet wird. Der leuchtend gelbe Einbau bestimmt den gesamten Raum nicht nur optisch, sondern vor allem auch akustisch. Betritt man nämlich diese schalldämmende Konche (und dies sollte man auf jeden Fall tun) spürt man förmlich eine atmosphärische Veränderung. Man befindet sich in einer Zone, welche wie ein negativ geladenes Magnetfeld wirkt und die Abwesenheit von Resonanz regelrecht körperlich erfahrbar macht.

Zu dieser leuchtend gelben architektonischen Komponente kommt noch etwas wichtiges hinzu. Bogomir Ecker hat vom Scheitelpunkt des mittleren Architekturelementes eine aus Aluminium gegossene Skulptur aufgehängt. Zwar besteht sie nur aus geometrischen, eher kantigen Grundelementen, auch ein Kegelstumpf lässt sich ausmachen, doch kann hier ohne Weiteres eine anthropomorphe, etwas roboterhafte Gestalt erkannt werden. Der bewusst elementare, ja rohe Zustand der mit Draht verbundenen Einzelelemente erinnert an frühe industrielle Grundformen oder an Prototypen von Maschinen und Turbinen. Zugleich hat die Skulptur aber auch etwas von einer Marionette, welche in ihrem schallgedämpften konkaven Bühnenbereich aufgehängt worden ist. Für diese Verbindung sprechen die über und unter der Figur hängenden brettartigen massiven Elemente, welche hier wie die Stäbe anmuten, von denen aus Puppenspieler ihre Figuren führen und agieren lassen. Bei noch näherer Betrachtung bemerkt man, dass diese silbernen Aluminiumstreifen sich gegenseitig im rechten Winkel kreuzend aufgehängt worden sind. So als handele es sich um die Flügel eines Rotors, die sich in einem gelben, zylindrischen Gehäuse zu drehen vermochten Überhaupt lässt sich in der ganzen Anordnung ein Bewegungsmotiv entdecken. Zwar rotiert und bewegt sich hier faktisch nichts, doch sind in der Beziehung der Einzelelemente zueinander Bewegung und Rotation als Potentiale angedeutet. Wegen dieser von Ecker bewusst veranschaulichten Bewegungspotenz kann die Figur (mit Hilfe des Vorstellungsvermögens) zu einer imaginären, hier durchaus assoziierbaren Pirouette gelangen. Das Motiv der rotierenden Turbine und dasjenige der sich um die eigene Achse drehenden Figurine eröffnen ein Assoziationsfeld, das in der ganzen Installation angelegt ist.

Heinrich von Kleists berühmter Aufsatz "Über das Marionettentheater" fällt einem dazu ein, der die bemerkenswerte Anmut der Bewegungen gerade einer mechanischen Puppe beschreibt und zum Resultat gelangt, "dass in dem Maße, als, in der organischen Welt, die Reflexion dunkler und schwächer wird, die Grazie darin immer strahlender und herrschender hervortritt". Verbindungen zu kinetischer Kunst werden wach, man denkt an die Werke eines Lazlo Moholy Nagy , an die Eck- und Kontrareliefs eines Vladimir Tatlin und ganz allgemein an die mit dem russischen Konstruktivismus als Avantgarde verbundenen Hoffnungen und Utopien, die sich seinerzeit keineswegs nur auf die Sphäre der Kunst beschränkten. Ecker referiert indessen nicht einfach Bezüge zu bereits existierenden kunst- und kulturhistorischen Topoi, sondern lenkt schließlich unsere Blicke und Gedanken auf gegenwärtig hochaktuelle Fragestellungen, die die Kommunikationsformen, die elektronische Vernetzung, die überall vorhandenen Visualisierungen aber auch Kontrollen durch Medien und Apparate angehen. Er schafft mit seinen Skulpturen nicht etwa perfekte Nachbildungen von Natur oder in diesem Falle wirklich funktionierende Androiden oder den Menschen ergänzende oder ersetzende Geräte, sondern ermöglicht, indem er bewusst stilisierte, standardisierte "Prototypen" vorstellt, besondere ästhetische Auseinandersetzungen und Erfahrungen. Weil seine Arbeiten sich einer vordergründigen Technikkritik oder gar - Euphorie enthalten und weil sie eben nicht auf konkrete Anwendungen oder perfekte technische Funktionen sondern eher auf einen Mangel verweisen, sind sie Sinnbilder, Metaphern und wegen der in ihnen veranschaulichten Aporie zu Ende zu denkende Anregungen. Und wegen dieser auf den Betrachter sich übertragenden ästhetischen und reflektorischen Potenz erfüllen sie das, was Kunst erst zu einem "Besonnenheitsraum" ( Aby Warburg ) für den Betrachter macht.

Die Ausstellung wird natürlich durch einen Katalog, der die Schriftenreihe des Kunstvereins fortsetzt, ergänzt. Er erscheint zur Finissage am 30.11.2002.

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